Die Tücke des Objekts

Die Aprikosen sehen heute aber lecker aus,
mir läuft das Wasser schon im Mund zusammen,
man sieht, dass sie aus sonnigen Regionen stammen,
da nehme ich ein Kilo mit nach Haus.

Ich muss nur nach der Rolle greifen,
ritsch, ratsch - schon liegt die Tüte in der Hand,
ein Lob dem Menschen, der das hier erfand,
es bleibt nur noch die Tüte aufzustreifen.

Das ist doch sicher gleich geschafft,
ich drücke, ziehe, knete, streife,
die Tüte rutscht wie nasse Seife,
ich presse jetzt mit voller Kraft.

Doch leider will sich nichts bewegen -
die Frau vor mir füllt Nektarinen ein,
es kann doch nicht so schwierig sein,
jetzt gilt es kühl zu überlegen.

Ich könnte sie um Hilfe bitten,
doch käme ich mir komisch vor,
am Früchtestand als armer Tor,
mein Selbstgefühl hat arg gelitten.

So äuge ich nun ganz verstohlen
auf Frauenfinger als mein Zielobjekt,
die eig'ne Tüte halte ich versteckt,
und meine Finger können sich erholen.

Vielleicht bin ich zu unbeholfen,
es gibt auch gute Aprikosen
auf dem Regal, verpackt in Dosen,
und allem Übel wäre abgeholfen.

Doch endlich höre ich den Groschen fallen,
dort wo die Tragegriffe enden,
kann man bequem mit beiden Händen
die Tüte öffnen - leicht ist mir der Griff gefallen.

Doch in der Mitte zwischen beiden Tragegriffen,
wo der Versuch der Öffnung unwillkürlich startet,
der brave Mann vergeblich auf die Öffnung wartet,
das hat die Kunststoffindustrie noch nicht begriffen.

So zeigt der Alltag immer wieder seine Tücken,
es hakt, es klemmt, es stockt an allen Enden,
drum lasst es bei der folgenden Sentenz bewenden:
Nicht alles kann glücken, Erfolg kommt auf Krücken.

© Reinhard Schmidt
 

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